Ramadan ist angekommen, und wie Allseits bekannt, sind die Sommertage in unseren Breitengraden lang und die Nächte kurz.

Ich habe nun schon einige Fastenmonate hinter mir, und für mich persönlich waren die Tage, trotz Verzicht auf Speisen und Getränke und dem Kampf um das beherrschen seiner Emotionen, meist einfacher als die kurzen Nächte. Dies liegt zum Großteil daran, das vor allem Konvertiten einen bestimmten „Leistungsdruck“ durch die Islamischen Traditionen Ihrer Gemeinden ausgesetzt sind.

Quran , Sure 2 (Die Kuh) Vers 185

185. Der Monat Ramadán ist der, in welchem der Koran herabgesandt ward: eine Weisung für die Menschheit, deutliche Beweise der Führung und (göttliche) Zeichen. Wer also da ist von euch in diesem Monat, der möge ihn durchfasten; ebenso viele andere Tage aber, wer krank oder auf Reisen ist. Allah wünscht euch erleichtert und wünscht euch nicht beschwert, und daß ihr die Zahl (der Tage) erfüllen und Allah preisen möchtet dafür, daß Er euch richtig geführt hat, und daß ihr dankbar sein möchtet.

Es ist  ist natürlich sehr schön das Fasten gemeinsam in der Moschee zu brechen, das Tarawih Gebet gemeinschaftlich zu verrichten und am Morgen das Fajr Gebet wieder in Gemeinschaft zu vollziehen. Aber machen wir mal einen Realitätscheck:

Der Ottonormalverbraucher in unserer westlichen Leistungsgesellschaft geht tagsüber 8 Stunden arbeiten, und die wenigsten genießen den Luxus sich den ganzen Fasten Monat frei zu nehmen. Man kommt also müde  von der Arbeit, kümmert sich um seine Familie, den Haushalt oder im besten Falle beschäftigt man sich mit dem Quran, geht hierauf freudig zum Fastenbrechen in die Moschee in welcher einem zuweilen ein üppiges Mahl von teils fragwürdigen Kochkünsten serviert wird, und aus lauter Überschwang und Herdentrieb schlägt man sich den Bauch voll, da einem das Unterbewußtsein sagt das man ja nicht mehr viel Zeit hätte bis zum Morgengrauen und sich vorbereiten muss. Es folgt ein Tarawih Gebet in einer stickigen Hinterhofmoschee, die brechend voll ist, und dem man sich müde beigesellt obwohl man doch am liebsten, genau jetzt, alle vier von sich strecken würde und eine Pause einlegen. Zwischen dem Geruch von Lammfett, Rülpsern, Socken und schwitzender Körper, versucht man irgendwie ein Gefühl der Besinnlichkeit zu erreichen, obwohl man eigentlich nach einem Drittel der 20 Rakat ganz dringen aufs Klo müsste und der Bauch sich anfühlt wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Es gilt auch alles andere zu unterdrücken was der Körper gerne von sich geben würde, denn man will weder unangenehm auffallen noch seinen Platz in dieser überfüllten Moschee aufgeben.

Um ehrlich zu sein fand ich das immer alles andere als Besinnlich, und ein Gottesdienst ohne Konzentration und Besinnlichkeit geht, für mein Gefühl, irgendwie im schwarzen Loch der zwanghaft aufgesetzten Tugenden verloren.

Leider haben die Muslime das Tarawih Gebet in der Moschee mit 11-20 oder gar 36 Rakat zur religiösen Pflicht erhoben, die 30 Tage lang zu absolvieren ist. Wer einmal fehlt bekommt mindestens schiefe oder fragende Blicke wenn nicht gar Tadel.

Ist das der Sinn der Sache ?

Erleichterung trat bei mir persönlich erst zu dem Zeitpunkt ein, an dem ich erfuhr das der Prophet, Friede und Segen seien auf ihm, uns dieses ganze Prozedere überhaupt nicht zur Pflicht gemacht hat. Er selbst betete das Tarawih sowohl in Gemeinschaft als auch allein, Zuhause als auch in der Moschee. Und in der Form wie wir es heute kennen, in der 30 Tage lang in Gemeinschaft in der Moschee gebetet wird, ist es von unserem Propheten überhaupt nie gebetet worden. Vielmehr führte er die Sahaba in drei Nächten im Gebet, setzte in der vierten aus mit der Begründung „ich befürchte es könnte sonst für euch zur Pflicht werden woraufhin Ihr nicht fähig wärt es einzuhalten“ (Sahih Muslim 1271).

Gepriesen sei Allah ! Dies beweist für mich wieder einmal wie flexibel und einfach unsere Religion ist, und gleichzeitig wie Muslime sich diese oft selbst erschweren.

Natürlich sagen die Gelehrten das 20 Rakat (manche sagen 10 andere 36) im Tarawih Gebet Sunnah ist, und wer dies leisten kann soll es auch gerne tun und sich den Lohn nicht entgehen lassen. Wem es jedoch schwer fällt, der sollte wissen, das er sich dadurch dass er weniger Rakat oder nicht in der Moschee betet nicht versündigt!

Anas ibn Malik, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete : Der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, betrat (das Haus) und sah dort ein zwischen zwei Masten gespanntes Seil. Er fragte: „Was ist das für ein Seil ?“  Und ihm wurde gesagt: „Dies ist das Seil der Zainab, das sie (während des Gebets) zum festhalten Benutzt, wen sie fühlt, dass die Kraft nachlässt. Der Prophet , Segen und Friede auf ihm, sagte: „Das ist keinesfalls schön. Jeder von euch soll nach eigener Tatkraft beten, und wenn er sich schwach fühlt soll er sich hinsetzten.“

Sahih al Buchari

Der Sinn des Ramadans ist in meinen Augen nicht, dass bloße Abspulen von Traditionen, wie in beschriebenem Fall das Nachtgebet, sondern vielmehr Demut zu empfinden und die Beziehung zu Allah zu erneuern, zu intensivieren und auszubauen.

Unser Herr legt uns nicht mehr auf als wir leisten können, weshalb ich dafür appeliere die Qualität der gottesdienstlichen Handlunge zu intensivieren, und nicht die bloße Quantität.

In den letzten Jahren habe ich mir mehr Zeit gelassen. Beim Essen, verdauen, Quran lesen, und habe das Tarawih Gebet in der Moschee, alleine Zuhause, gemeinsam mit meiner Frau oder aber auch unter freiem Himmel mit Brüdern gebetet (Was ich am schönsten Fand und jedem mal empfehlen möchte). Ich habe aus dieser Ungezwungenen Haltung einen großen Nutzen gezogen.

Möge Allah uns einen besinnlichen Ramadan gewähren und uns unsere Beziehung zu ihm, dem Allmächtigen und Barmherzigen, erneuern und verbessern lassen.