„Takbir“

„Allahu Akbar“ erschallt es durch die Räume der Moschee. Es folgen Umarmungen und Glückwünsche der gesamten anwesenden Gemeinde zum Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Die Sünden sind verziehen und man erwartet nun noch mehr schönes und gutes von der Zukunft. Zunächst ist es schwierig sein neues Leben zu gestalten. Man muss erlernen wie man sich für die Gottesdienste reinigt, in einer fremden, nicht gerade einfachen Sprache, zu beten und dieses Gebet auch noch in den Tagesablauf zu integrieren. Das Fasten kostet zunächst Überwindung und Kraft, genau wie das einhalten der Islamischen Sitte und Etikette. Man verbringt unzählige Stunden in Gemeinschaften die eine andere Sprache sprechen und deren Kultur sehr unterschiedlich zur eigenen ist, und muss in dieser Zeit lernen mit konstruktiver aber auch oft harscher Kritik an den eigenen rituellen Handlungen umzugehen.

Die Familie und alte Freunde reagieren unterschiedlich wenn man ihnen erzählt das man nun Muslim ist. Von Akzeptanz bis heftiger Anfeindung kann alles dabei sein.

So manch einer bricht alte Kontakte ab, da sie ihn an der Verwirklichung eines Lebens als gläubiger Muslim zu hindern scheinen. Zu groß ist die Versuchung in alte Muster zu verfallen und manchmal ist eine Zusammenkunft mit Andersgläubigen aus Gründen der Überzeugung einfach nicht mehr möglich. Ein Muslim kann beispielsweise nicht mehr in Bars gehen, sich mit dem anderen Geschlecht treffen oder an geschlechtergemischten Veranstaltungen anderer Art teilnehmen,  weshalb sich das soziale leben gravierend verändert. Familienfeiern, Geburtstage oder Neujahr werden zu diskutablen Ereignissen. Es kann sehr nervenaufreibend sein, dem eigenen Vater zu erklären weshalb man nun nicht mehr mit ihm an einem Tisch sitzen kann, währen er seine halbe Weißbier trinkt.

Das lossagen von den Ungläubigen wird einem oft ans Herz gelegt sobald man soziale Problematiken versucht mit gebürtigen, praktizierenden, Muslimen zu besprechen. Dies kann je nach Auffassung vom innerlicher Lossagung bis hin zu „Feindschaft und Hass“ reichen. Je nachdem mit wem man redet. Warum ich meinen Vater hassen sollte und vor allem wie man das natürliche empfinden der Liebe zu den eigenen Erzeugern von heute auf morgen unterbinden soll, ist mir bis heute nicht völlig klar geworden. Auch nicht wie sich Hass mit der Religion der Barmherzigkeit vereinbaren lässt. Doch es gibt durchaus Bücher, vor allem im Internet, die tatsächlich von Hass sprechen. Ob dies eine schlechte Übersetzung darstellt oder tatsächlich die Ansicht der Autoren ist vermag ich nicht zu beantworten.

Am Anfang scheint es einfach zu sein. Es gibt keinen der neben Allah angebetet werden darf und Muhammad, Friede und Segen seien auf Ihm, ist sein Diener und Gesandter. Wir beten, fasten im Ramadan, zahlen die Zakat und machen die Pilgerfahrt wenn wir können. Wir glauben an die Propheten, Offenbarungen, die Engel, den jüngsten Tag, Schicksal und Vorherbestimmung. Diese äußeren und inneren Taten so wie Überzeugungen machen uns alle zu Muslimen, möchte man meinen, zumindest so lange bis man uns versucht etwas besseren zu belehren. Wer nicht betet sei ungläubig, die meisten Sufis seien ungläubig, wer sich an der Demokratie beteiligt sei ungläubig, die Shiiten und Aleviten seien ungläubig, und selbst die unwissende afrikanische Oma die Sufi Gräber besucht sei ungläubig. Auch das beten unter zurhilfenahme des sogenannten Tawassuls, bei dem man Allah durch die liebe zu seinem Propheten bitten soll, sei Unglaube.

Andere erklären uns das wir ohne die Hilfe ihres spirituellen Sufi Führers, der ein nahestehender Allahs ist, keine erwähnenswerten spirituellen Fortschritte machen werden, dass Besuchen von Gräbern empfehlenswert sei, die Shia unser Brüder im Glauben , und auch dass man seine Gebete im Namen des Propheten sprechen müsse damit diese beim Schöpfer mehr gehör finden.

Ganz schön verwirrend. 

Auch wird oft von DER richtigen Aqida (d.h fundamentalen Glaubenslehre) gesprochen. Da gäbe es die Ashariten, Maturidis, Athariten. Bei diesen unterschiedlichen Auffassungen scheint sich alles um die Namen und Eigenschaften des Allmächtigen Schöpfers zu drehen, und der ewige Streitpunkt wird das Wort „Istawa“ sein, welches man  ungefähr mit „erheben“  übersetzen kann.Während die einen Sagen er, der Allmächtige, habe weder Zeit noch Ort, behaupten die anderen er sei „oben“ über seinen Thron erhaben. Die zuletzt genannten werden von den ersten gerne mal als Antropomorphisten betitelt, also auch Ungläubige die Allah dem erhabenen einen Körper zuschreiben. Die Gegenseite wird als Irregegangenen Philosophen betitelt.

Eine scheinbar verwirrende philosophische Wortklauberei für den neuen Muslim.

Wenn Allah im Quran sagt er habe sich über seinen Thron erhoben kann ich das akzeptieren und muss nicht weiter darüber nachdenken, denn ich weis weder was und wie der Thron ist, noch wie Allah sich erhebt und sehe keinen nutzen darin mir Gedanken über etwas zu machen, das ich mir nie vorstellen können werde. Doch was mir als einfachstem unwissenstem Diener vollkommen genügt hätte wäre der Vers:

Al-Ikhlaas (112:4)

وَلَمْ يَكُن لَّهُۥ كُفُوًا أَحَدٌۢ

und niemand (nichts) ist Ihm jemals gleich.

Oder auch:

Ash-Shura (42:11)
فَاطِرُ ٱلسَّمَٰوَٰتِ وَٱلْأَرْضِ ۚ جَعَلَ لَكُم مِّنْ أَنفُسِكُمْ أَزْوَٰجًا وَمِنَ ٱلْأَنْعَٰمِ أَزْوَٰجًا ۖ يَذْرَؤُكُمْ فِيهِ ۚ لَيْسَ كَمِثْلِهِۦ شَىْءٌ ۖ وَهُوَ ٱلسَّمِيعُ ٱلْبَصِيرُ

(Er ist) der Erschaffer der Himmel und der Erde. Er hat euch aus euch selbst Gattinnen gemacht, und auch aus dem Vieh Paare, wodurch Er euch vermehrt. Nichts ist Ihm gleich; und Er ist der Allhörende und Allsehende.

Oder die Antwort des Imam Malik auf die Frage nach Istawa :

Das Allah Istawa gemacht hat ist bekannt, die Art und Weise ist unbekannt, der Glaube daran ist Pflicht, die Frage danach ist Ketzerei. 

Jede weitere Diskussion ist für mich als einfachen Gläubigen unsinnig und verwirrend gewesen.Wichtig war mir eher, daß ein vollkommener Gott nicht in seiner Schöpfung präsent sein kann, da ihn das unvollkommen machen würde, wodurch jeder Götzendienst absurd wird. Genau aus diesem Grund hat der Islam mich überzeugt! Umso trauriger macht es wenn man die oft harten Anfeindungen unter diesen drei „Glaubensschulen“ mitbekommt.  

Man trifft auch, vor allem heutzutage, auf Muslime deren Hauptbeschäftigung in der Identifizierung der Tawagit also „der Falschen Götter“ liegt, mit welcher sie vor allem Politiker und Gelehrte des Unglauben bezichtigen, und das physische Kämpfen gegen jede Staatsform die nicht ihrer Interpretation „der Sharia“ entspricht als eminent wichtig für jeden Muslim betrachten, und alle die den Jihad anders Interpretieren zumindest als Feiglinge bezeichnen. Aus dieser Richtung kommen auch die Muslime die sich dem IS anschließen, aber das würde an diesem Punkt zu ausschweifend werden.

Es kann auch vorkommen das man genötigt wird seinen Namen abzulegen um ihn gegen einen „Islamischen“, was gleichzusetzen mit „arabischen“Namen ist einzutauschen. Später kam ich dann darauf, dass dies in den wenigsten Fällen notwendig ist, denn meine Eltern nannten mich weder Christian noch Sonnendiener. Eigentlich ist es sowohl eine herabwürdigung der eigenen Eltern, die einem einen Namen gaben, und die darüber sicherlich auch nachgedacht hatten, als auch eine arabisierung des eigenen Erbes. Doch leider denkt man zu beginn oft das dies eben dazugehört, und ehe man sich versieht ist man schon überall als Yusef, Harun oder Abdur Rahman bekannt, und es wird schwer darum zu bitten wieder bei seinem eigentlichem Namen genannt zu werden.

Auch das äußere wird kritisiert, weshalb es nicht selten vorkommt das Kai-Uwe sich kleidet wie ein waschechter Araber aus den Emiraten, samt Turban und Sandalen. Das wird dann als Sunna Kleidung bezeichnet, obwohl es eine solche eigentlich überhaupt nicht gibt, denn die Menschen zur Zeit des Propheten s.a.w trugen was gerade Mode war, ob dies Persische Tücher, lange Hemden oder römische Umhänge waren. Das wissen nur anscheinend viele nicht weshalb Kai-Uwe auch kaum zu tadeln ist.

Beinahe hätte ich die Frauen vergessen. Unsere mutigen Schwestern, die sich nach ihrer Konversion entschließen zu bedecken und sich somit öffentlich zum Islam bekennen ohne dass dazu ein einziges Wort nötig wäre. Ihnen wird oft unterstellt sie täten dies aus anderen Gründen als ihren Glauben! Zum Beispiel für ihre Ehemänner oder weil sie vor dem Islam promiskuitiv gewesen wären und sich nun hinter dem Gesichtsschleier  verstecken würden. Frauen die sich selbständig versorgen konnten denen dann erzählt wird, das sie vortab zuhause bleiben müssen, nicht zur Arbeit noch zur Schule gehen sollten und ihr Leben fortan als total hörige Gebährmaschinen ihrer frommen Männer fristen müssten. Oftmals werden sie gar als personifizierte Quelle jeglicher Versuchung abgestempelt, weshalb ihnen nicht mehr  als ein Schattendasein in der Islamischen Gemeinde gegönnt wird. Gerade sie, werden gerne und schnell zur Eheschließung gedrängt. Am besten mit einem gebürtigen Muslim, sei dieser noch so hässlich oder arm und der kulturelle Unterschied in Bezug auf die Behandlung von Frauen noch so gravierend. Andererseits sind gebürtige Muslime oft wenig erfreut wenn ein Konvertit bei der Tochter um deren Hand anhält. Fadenscheinige Argumente werden herausgekramt, die besagen es wäre besser aus dem eigenen Kulturkreisen zu heiraten. Absurd wenn man bedenkt, dass doch viele im besten Heiratsalter hier in Deutschland aufgewachsen sind  und hiesige Kultur mehr Spuren hinterließ als die der elterlichen Heimat. Dieses Phänomen sollte vor allem Afrikanern aus der Geschichte bekannt sein, denn weiße Muslime hatten selten ein Problem damit Kinder mit einer Schwarzen Konkubine oder Ehefrau zu zeugen, jedoch oft ein Problem damit ihre Töchter schwarzen zur Frau zu geben. Ein ähnliches Phänomen haben wir hier in Deutschland. Deutsche Frauen sind begehrt , Männer eher nicht, im arabischen, türkischen, pakistanischen oder afghanischen Milieu.

Dies sind einige Umstände die den Konvertiten treffen können. Manches ist nur zu Beginn schwierig, und man ändert es gern und aus freien Stücken. Manches tut man um nicht als Idiot oder gar Ungläubiger abgestempelt zu werden. 

Sie fragen sich sicherlich was ich mit diesem Text bezwecken will. Will ich die Muslime in ein schlechtes Licht rücken? Menschen Angst davor machen den Islam anzunehmen? Weder noch!

Ich möchte zuallererst meine eigene Erfahrung und die meines Umfeldes wiedergeben um vielleicht bei dem ein oder anderem Muslim ein wenig Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Annahme des Islams für Menschen mit nicht Islamischen Hintergrund kein Spaziergang ist. Bei all den Herausforderungen denen wir begegnen, wie Familie, altes Umfeld, Umstellung der Lebensgewohnheiten, erlernen der Religion, brauchen wir am wenigsten Muslime die uns zusätzliche emotionale und physische Erschwernisse auferlegen, und uns von oben herab, rechthaberisch oder zweitklassig behandeln.

Gebürtige Muslime sind in der Pflicht den Islam auf beste Art und Weise vorzuleben, vor allem was die soziale Einbindung neuer Muslime in die Gemeinschaft betrifft! Ihr redet davon das euch Allah als beste Gemeinschaft bezeichnet, dann lebt diese Gemeinschaft auch! Jeder neue Bruder wird sich freuen wenn ihr Ihn mal zum Tee einladet. Im Ramadan mit ihm das Fasten Brecht, oder in der Moschee von türkisch oder arabisch auf die deutsche Sprache übergeht wenn ihr merkt das jemand da ist, der eurer Sprache nicht mächtig ist. Der deutsche Muslim kann sich wie ein Alien in beiden Welten fühlen, wenn er weder in seinem alten noch seinem neuen Umfeld einen Platz findet. Ohne soziales miteinander wird der Islam zur zereissprobe der neuen Bekenntniss. Überfordert die Menschen nicht. Damit meine ich, das ihr den Leuten Zeit geben solltet die Religion zu erlernen ohne Druck auszuüben. Das ändern des Namens, das wachsen lassen eines Bartes, das wissen darüber ob ein Herrscher Kafir ist oder nicht, wird eure Geschwister nicht zwangsläufig näher zu Allah, dem Erhabenen und Barmherzigen, bringen, wenn nicht fundamentales Wissen, wie zum Beispiel über die Reinheit und die Gebete vor allem aber das Benehmen vorhanden ist.

Ich möchte mich auch an meine konvertierten Geschwister wenden. Macht euch den Islam nichz schwerer als er ist! Nehmt euch Zeit, hinterfragt und handelt Bewusst. Das Sprichwort: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“ gilt auch im Falle des Islams. Wer zu streng mit sich und seinen Handlungen ist, kann schon kurze Zeit später überfordert sein. Nicht jeder Muslim den ihr trefft ist auch tatsächlich Sachkundig, selbst wenn er mit Namen grosser Gelehrter um sich wirft, arabisch spricht und einen Bart bis zur Brust trägt. Ein Somalisches Sprichwort lautet: „Jeder Mensch hat einen Beweis.“ Und das ist auch tatsächlich so! Für fast jede Meinung die Muslime vertreten, werdet ihr eine gegenteilige finden. Dinge bei denen ihr euch noch vor kurzem hundertprozentig sicher wart, werden morgen schon anderen Ansichten weichen. Daran ist nichts auszusetzen! Seine Meinung zu ändern wenn es notwendig ist, sich Schwächen einzugestehen und geduldig zu sein, sind positive Eigenschaften, und bewahren manch einen vor dem spirituellen Burnout. Macht euch Bewusst um was es geht! Ihr müsst niemandem etwas Beweisen ausser eurem Schöpfer, der seine Propheten mit einer essenziellen Botschaft sandte, welche uns zur Bekenntniss „La ilaha il Allah.“, grundlegenden Pflichten wie dem Gebet und dem Fasten, und dazu gutes zu tun aufruft. Verzweifelt nicht an Sünden deren Unterlassen euch schwer fällt, denn unser Herr ist der Barmherzige und Gnädige, der Reue Annehmende und Allverzeihende. Macht euch Bewusst das Muslime auch Menschen sind. Ihr werdet nette, arrogante, liebevolle, hasserfüllte, ehrliche, unehrliche, intelligente, dumme, Aufschneider und Wahrhaftige kennenlernen deshalb erwartet nicht zu viel, vertraut niemandem Blind, und seit allgemein achtsam von wem ihr Dinge annehmt. Seit nicht zu schnell Parteiergreifend und haltet euch fern von Menschen die euch nicht gut tun, auch wenn sie Muslime sind.