Ich erinnere Mich an meine Kindheit, als wäre es gestern. Ich komme aus Habesistan (Äthiopien) und gehöre dem Volk der Oromo an. Wir lebten in einem kleinen Dorf. Wir waren sehr glücklich. Ich war sieben oder acht Jahre alt. ich spielte mit Kindern meines alters auf dem Dorfplatz. Wir spielten immer das Gleiche Spiel: Fangen. Eines Tages kamen Reiter. Sie sahen anders aus als die Männer bei uns. Ihre Gesichter waren heller. Sie trugen Waffen bei sich. Sie nahmen uns gefangen. Einer von ihnen hielt mir den Mund zu, und ich wäre beinahe erstickt. Mir war, als quellten meine Augen heraus. Sie nahmen auch all meine Freunde und brachten und fort. Ich verstand Ihre Sprache nicht. Erst später begriff ich, dass sie Arabisch sprachen. Als wir in einem Dorf angekommen waren, sperrten sie uns in einen Hof. Dort waren Kinder wie wir. Sie sprachen unsere Sprache. Sie schluchzten. Wir verstanden nicht, warum sie uns verschleppt hatten. Wir teilten alle den gleichen Kummer. Wir blieben drei Tage lang ohne zu essen und zu trinken.

Einige Tage später wurden wir kastriert, auf Massaoua, einer Halbinsel der von den Türken besetzten äthiopischen Küste.All die Jahre über konnte ich die erlittenen Schmerzen und die Folter nicht vergessen. Zwei Wochen nach der Kastration heilte die Wunde langsam. Man brachte uns in einen Hafen. Dort waren Jungen und Mädchen wie wir. Wir sprachen nicht die gleiche Sprache, teilten aber das gleiche Schicksal. Alle jungen waren kastriert. Untereinender verstanden wir uns gut. Dann wurden wir auf ein Schiff gebracht. Wir warten froh diesen Monstern zu entkommen. Aber wohin brachte man uns ? Wir dachten die würden uns in den Ozean werfen. Wir wussten nichts. Man lies uns in völliger Unwissenheit. Unsere Dörfer, unsere Brüder unsere Schwestern, unsere Mütter waren weit weg. Sollte es möglich sein sie eines Tages wieder zu sehen ? Einige von uns hörten nicht auf zu weinen. Wir hatten alle Angst, dass sie uns ertränken würden. Wir hatten Angst vor dem Meer das wir zum ersten Mal sahen. Auf dem Schiff blieben wir immer beieinander. Wir schauten uns die Wellen an. Was für ein Unglück wartete noch auf uns? Während der Überfahrt wurde das Sklavenschiff von einem englischen Patrouillenboot durchsucht und die arabischen Sklavenhändler festgenommen. Sie wurden alle in den Hafen von Aden im Jemen gebracht. Die Kinder begannen alle vor Freude zu schreien, weil sie glaubten, dass wir in unsere Dörfer zurückkehren dürften.

Aber unsere Freude war von kurzer Zeit und Dauer. Der Dolmetscher lies uns wissen, dass es sehr schwer wäre, uns wieder in unsere Dörfer zurückzubringen. Die Sklaverei war abgeschafft. Wir waren frei. In Aden durften wir an Land gehen.  Wir wurden auf den Marktplatz gebracht. Der englische Kapitän hielt eine Rede, die ins Arabische übersetz wurde. Wir hatten nicht verstanden. Man hatte es uns dann ins Habesch übersetzt. Da der Verkauf Verkauf von Sklaven verboten war, sollten wir an vertrauenswürdige Offiziers- und Beamtenfamilien übergeben werden. Ein Osmanischer Offizier, Yakup, auf Dienstreise in Aden, nahm mich mit nach Istanbul. Es war Winter, ich hatte das erste mal Schnee gesehen. Mir war Kalt. Yakup hatte mich einer berühmten Person in Istanbul geschenkt. Ich war enttäuscht. Ich liebte Yakup wie meinen Vater. Ich war ein Geschenk für Cerkez Mehmet Pascha.

Kann man einen Menschen verschenken ? Mir wurde klar, ass das möglich war. 1918 wurden wir gemäß dem Mesutiet frei. Mit einer Freundin. einer Palastdame, haben wir dieses Haus gekauft. Wir kommen zurecht. Das ist unser Schicksal.

Tidiane N’Diaye, Der verschleierte Völkermord, 229

original Text in Türkisch aus MEYYALE von Hifzi Topuz, Istanbul, Editions Remzi Kitabevi, p.69-72.