Stell dir vor du würdest morgen das erste Mal in deinem Leben zur Schule gehen. Sagen wir du gehst morgen, weder in die Hauptschule noch ins Gymnasium, also auf die Realschule. Denn die meisten Menschen sind weder besonders schlau noch besonders dumm. Deine ersten Erfahrungen sind so positiv, dass du von nun an hin und weg bist, und es für dich nichts schöneres mehr gibt als das lernen. Du beschäftigst dich ein bisschen mit Geschichte, Geographie, Sozialkunde und erlernst von allem ein wenig. Doch deine eigentliche Leidenschaft gehört der Mathematik. Du kaufst sogar zwei, drei Bücher und liest diese Zuhause, du recherchierst Themen die dich interessieren auch häufig mal im Internet. Deine Bewunderung für Stephen Hawkings, Albert Einstein und die großen Wissenschaftler und Entdecker ist groß, und du wünscht dir aufrichtig auch mal zu solch großartigen Männern gezählt zu werden.

Es sind mittlerweile drei, vier Jahre vergangen und du besitzt ein solides Grundwissen. Nun kommt jemand und sagt dir, du wärst zu einer Diskussion über die explizite Formel für die Primzahlzählfunktion eingeladen. Am nächsten Tag hätte er gerne, dass du deine Meinung zum Quark-Confinement und zur M-Theorie wiedergibst. Außerdem möchte er von dir, dass du die Relativitätstheorie kritisch analysierst und zusammenfasst was die Wissenschaftler der letzten 50 Jahre diesbezüglich für Meinungen vertreten haben. Würdest du die Einladung annehmen? Und dich dann trauen einen der anwesenden Wissenschaftler als jemanden hinzustellen der keine Ahnung hat wovon er spricht? Einen Mathematiker, Physiker, Biologe oder ähnliches mit den Waffen deiner schulischen und autodidaktisch erworbenen Kenntnisse zu „wiederlegen“ ?

Die meisten Menschen hätten wohl eher Respekt vor den Fachkenntnissen der Profis. Sie hätten Angst als Idioten in der Öffentlichkeit dazustehen so dass jeder der auch nur die leiseste Ahnung hat ihre Inkompetenz sieht.

Die meisten die darüber nachdenken werden bereits jetzt wissen worauf ich hinaus will.

Es sind die Brüder und Schwestern die zu allem und jedem Thema eine Meinung haben und diese bei jeder Gelegenheit öffentlich kundtun. Diejenigen die im endlosem Treibsand der Wiederlegungen und „Mein Gelehrter ist auf Haqq und deiner nicht ….lalala älabätsch.“, Battles waten, und Stück für Stück im Hochmut der Selbstüberschätzung versinken. Die Kai-Uwes und Fatimas die weder Schiller noch Goethe kennen, aber sich anhören wie Nathan der Weise („Oh edler Bruder, ich küsse deine Augen…..“ gefolgt von „ ….bring deinen Dalil wenn du warhaftig bist.“) klingen meist sehr lächerlich.

Schämt ihr euch eigentlich nicht ?

Als ich vor  Jahren den Islam annahm, war die Welt noch einfach. Wenn man eine Frage hatte ging man zum Imam seiner Moschee, wenn der nichts wusste fragte er einen Gelehrten und eine kurze Zeit später bekam man eine Antwort, nach der man sich richtete. Später las man dann vielleicht mal etwas welches einem eine andere Meinung erklärte, und dann richtete man sich danach oder nicht. Fragen wie: „Bist du Salafi/Maturidi/Ashari/Dahiri wurden nie gestellt, und das Wort „Manhaj“ war im wahrsten Sinne ein Fremdwort. Was für eine schöne Zeit !

Der Quran ist kein verschlüsseltes Codebuch. Allah hat es dem Propheten, Frieden und Segen auf ihm, offenbart damit er es denn Leuten verkünden kann, zunächst mal ohne Tafsir. Und ich bin überzeugt das jeder Mensch die Grundbotschaft der Religion ohne ein Studium erfassen kann.

Wenn man trotz des gesunden Menschenverstands noch Fragezeichen im Kopf hat, dann fragt man eben! Dafür gibt es die Rolle der Imame und Wissenden. Jedes Handwerk und jede Wissenschaft hat Experten. Wenn du in den meisten Feldern kein Experte bist, dann ist schweigen besser als reden. Vor allem muss man nicht alles was man selbst praktiziert, denkt und als richtig erachtet versuchen anderen aufs Auge zu drücken.

Das der 08/15 Muslim sich in tiefe theologische Debatten über grammatikalische Auslegung des Thronverses oder der fundamentalen Grundsätze der Rechtsprechung begibt. Jeder Jango der vor ein paar Jahren noch Crack am Hauptbahnhof gestellt hat jetzt Youtube Videos produziert, angebliche Widerlegungen verfasst und seinen unfertigen Senf auf jeden spritzt der ihm in den Weg kommt, halte ich schädlich für ein friedliches Miteinander unter Muslimen. Es erschwert den Menschen meist mehr als es Ihnen vereinfacht, trägt zur Verwirrung, Unfrieden und zur Spaltung der Muslime bei.

Es gibt viele Menschen die sich einbilden, was sie erfahren, verstünden sie auch.
Johann Wolfgang von Goethe

Genauso wie ich gegen das Gelaber der Unwissenden bin, bin ich auch gegen die übermäßige Glorifizierung der Muftis und Scheichs, die bei manchen fast schon einen Status der Unfehlbarkeit haben (selbst wenn das keiner der Follower zugeben würde). Aber diesem Thema widme ich mich ein andermal…

Wie in allem braucht der Muslim eine gesunde Mitte und einen natürlichen und ungezwungenen Umgang mit seiner Religion. Möge Allah es uns erleichtern. Amin.