Immer öfter liest man von Redakteuren der Islamischen Zeitung Anfeindungen gegenüber People of Colour und deren Ideologien und Bewegungen. Ich möchte heute diese hier zitieren:

Eine unterschätze Gefahr für Muslime in Mitteleuropa ist es heute, sich zu viele „Debatten“ aus den U.S.A und GB abzugucken. Ein verheerendes Beispiel ist die PoC-Ideologie. Unlängst haben einige Muslime eine Dialektik angenommen, in der sie als „People of Colour“ Ihre eigene Identität aus Antidiskriminierungsdiskursen entnehmen. Der „Rassismus des weißen Mannes“ gegen benachteiligte Farbige (?) ist Hauptthema und ersetzt positiv gestiftete Inhalte aus dem Islam heraus. In das Weltbild der PoC passt demnach auch nicht der europäische Muslim oder um das an sich selbst rassistische narrativ zu bedienen, der „weiße Muslim“. Und das sind zig Millionen Bosniaken, Albaner, Tataren oder sogenannte „Konvertiten“. Es heißt gern, der weiße Muslim sei aufgrund seiner Hautfarbe schon privilegiert und könne das Anliegen nicht verstehen, oder sei gar per se nie Rassismus ausgesetzt. Diese Behauptung ist rassistisch. Und um auf den Punkt zu kommen, hochgradig konträr zu einem korrekten Verständnis des Muslimseins. Dieses Buchstäbliche Schwarz. Weiß denken kennt man auch von Afd und Artgenossen, für die es undenkbar scheint dass man gleichzeitig Muslim und „Weißer“ bzw. Europäer sein kann. Identität darf nie durch Gegnerschaft definiert werden.

  • Facebook, Tarek Bae, Online Redakteur bei der Islamischen Zeitung.

Selten las ich ein Statement eines Muslims, das mich mehr an einen weißen unreflektierten mittelstands Amerikaner in einer Rassismusdebatte erinnerte als dieses.

Es mag richtig sein das nicht jeder Muslim sich seine Identität aus People of Colour Diskursen herleiten sollte. Der Grund dafür ist jedoch, dass man entweder zu PoC gehört oder eben nicht. Es ist ja nicht so als ob man sich seine Hautfarbe ausgesucht hätte, sondern das man damit lebt was einem Allah bestimmt hat.

Das Satzfragment : „Der Rassismus des weißen Mannes gegen benachteiligte Farbige (?)……..“ liest sich mit unangenehmen Beigeschmack.

Als wolle der Autor durch sein Fragezeichen mitteilen das es weder das System Rassismus, als lautes Echo der white supremacy der letzten Jahrhunderte, noch benachteiligte PoC gäbe. Natürlich kann es im Leben der Muslime viele Themen geben mit denen man sich beschäftigen kann, nur ist traurigerweise Rassimus und seine ungerechten Auswirkung auf die Weltbevölkerung und damit auch die  islamische Ummah ein totgeschwiegenes, nicht beachtetes und sogar geleugnetes Thema.

Vor mir liegt ein Statement eines weißen Muslims der nicht fähig ist sich seiner eigenen Rolle im System zu stellen, der sich stattdessen Theorien selbst bastelt und diese als Wahrheiten verkaufen möchte.

Der weiße Muslim passt sehr wohl ins Weltbild der schwarzen Menschen alles andere wäre hirnrissig. Denn die Realität ist, dass wir sämtliche Völker und Farben, (ja auch weiße Türken, Araber, Bosniaken Tartaren) zu den Muslimen zählen. Nicht zu begreifen scheint Herr Bae allerdings, dass es unerheblich für die Bevorzugung im System ist ob die weiße Person Muslim, Christ oder Atheist ist.

Das dominierende System ist eines, welches von weißen, nach deren Vorstellungen, für weiße Geschaffen wurde, und in deren rassifizierten, bewussten und unterbewussten Vorstellungen die Regel: Je schwärzer desto dümmer, minderwertiger, unproduktiver, ungebildeter u.s.w. gilt.

In solch einem System ist natürlich der weiße Türke dem weißen Mitteleuropäer näher und vertrauter als der schwarze Senegalese. Man muss im rassifiziertem Koordinatensystem der Privillegierung nur Augen, Verstand und Herz öffnen um das zu erkennen.

Auch ist der weiße Rassismus nicht Ausgesetz. Er kann rassistisch diskriminierende Erfahrungen machen, von institutionellem Rassismus sind wir dabei aber weit entfernt.

Herr Bae folgert daraufhin „diese Behauptung ist Rassistisch“, und bedient sich damit selbst der Argumentation des nach seiner Auffassung nur das Ausland betreffenden Diskurses, indem er versucht anderen „reverse Racism“ zu unterstellen. Doch um zu begreifen das reverse Racism im Hinblick auf Institutionellen Rassismus nicht existiert müsste man zunächst mal verstehen wie wir Rassismus efinieren!

  • Rassismus ist ein System indem eine „Rasse“ die Mehrheit stellt und in der Position ist seine Gewalt und seine Privilegierung gegenüber einer anderen „Rasse“ durch politische, ökonomische und institutionelle Mittel durchzusetzen. Anders umschrieben bedeutet das „Vorurteile plus Macht“ die zusammenwirken um ein System der Ungleichheit zu schaffen.[1]

Zu behaupten dieser Standpunkt wäre konträr zum korrekten Verständnis des muslim Seins ist bei aller Liebe der größte Schwachsinn den ich je aus der Feder eines Muslims lesen musste und kommt direkt nach „Nationalstolz ist ein Teil von Iman (Glauben).“, was erst vor kurzem wieder von einem Mufti aus Ägypten propagiert wurde.

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Der Islam lehrt uns das Allah der erhabene uns aus einem einzigen Wesen erschuf und dass er uns zu Völkern und Stämmen machte damit wir uns kennenlernen (Quran, Sura Hujurat). Von ausbeuten, unterdrücken und diskriminieren ist weder etwas im Quran noch der authentischen Sunna zu finden. Das Gegenteil ist der Fall!

Auch totschweigen, lamentieren und darumherumreden wird nicht von uns verlangt.

„Und es soll unter euch eine Gemeinschaft sein, die zum Rechten aufruft, und das Rechte gebietet und das Unrecht verwehrt. Sie sind es, die erfolgreich sein werden.“ (Surat All Imran 3:104)

Und dies betrifft nicht ausschließlich Muslime! So sagt Allah der erhabene :

Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht des Glaubens wegen bekämpft haben und euch nicht aus euren Häusern vertrieben haben, gütig zu sein und redlich mit ihnen zu verfahren; wahrlich, Allah liebt die Gerechten.  Quran [60:8]

Unser Prophet Muhamad, Friede und Segen seien auf Ihm, lehrte uns das wir unrecht bekämpfen sollen, egal wo wir es antreffen und wer davon betroffen ist.

Nach einer Aussage von Hudhaifa  möge Allah mit ihm zufrieden sein ist überliefert, dass der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken sagte: „Seid keine blinden Anhänger und sagt: „Wenn die Leute Gutes machen, machen wir Gutes, und wenn die Leute Ungerechtigkeit begehen, begehen wir Ungerechtigkeit!“ Passt euch selbst an; wenn die Leute Gutes tun, tut Gutes, und wenn sie Schlechtes tun, dann tut kein Unrecht!“ (At-Tirmidhî)

 

Ich stimme zu, das Identität nicht durch Gegnerschaft gestiftet werden darf. Und darum fordere ich Menschen wie Herrn Bae und den Rest des IZ Teams auf, sich aus Ihrer defensiven, fiktiven weißen Opferrolle zu lösen, und anstatt die Anstrengung schwarzer Menschen zu relativieren oder gar als unislamisch abzustempeln, über Rassismus auf Institutioneller Ebene und die verheerenden globalen Auswirkungen desselbigen zu reflektieren und die Problematik zu erkennen. Bevor sie nicht fähig sind ihr von Allah bestimmtes „weiß sein“ und die damit ungewollt oder gewollten Annehmlichkeiten zu erkennen, solange sollten sie zum Thema besser schweigen. Wenn sie dieses Lied jedoch weiter Singen sollten sie nicht damit Rechnen das man ihnen „We shall overcome“ zurücksingt. 

[1] (https://mic.com/articles/140882/what-is-reverse-racism-here-s-why-it-doesn-t-actually-exist-in-the-united-states#.8t88YadCc

WAS HEISST “POC”? 
“PoC” ist kurz für „People of Color“. Das ist eine selbstbestimmte Bezeichnung von und für Menschen, die nicht weiß sind. Das Konzept „People of Color“ setzt man erstmals voraus, dass Menschen, die nicht weiß sind, über einen gemeinsamen Erfahrungshorizont in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft verfügen.
Anders als etwa „coloured“ („farbig“/“Farbige/r“), das eine von Weißen gewählte und koloniale Zuschreibung ist, sind „People of Color“ in erster Linie „people“, also „Menschen“. Der Ausdruck „People of Color“/“PoC“ wird (auch in Deutschland) im akademischen und politischen Umfeld benutzt und ist in vielen englischsprachigen Ländern eine gängige Bezeichnung. In Deutschland hat sich der Begriff im Alltag und in den Medien noch nicht durchsetzen können, was daran liegen mag, dass er lang und englisch ist, oder auch daran, dass in Mehrheitsdeutschland die unterschiedlichen Lebensrealitäten von weißen Menschen und People of Color weitestgehend ignoriert werden und sie daher außerhalb der Menschenrechtsarbeit auch gar nicht mit dementsprechenden Begriffen thematisiert wer.den

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